Bei farbenmeer reflektieren wir ständig wie wir arbeiten und hinterfragen warum wir genau diesen Weg nehmen, um ein Problem zu lösen. Bei Gehältern haben wir uns gefragt, wie sich unser Lohn eigentlich zusammensetzt.
Momentan bekommen alle Kollegen bei farbenmeer netto etwa das gleiche Gehalt auf ihr Konto überwiesen. Aber ist das gerecht? Und was ist mit Menschen, die nur in Teilzeit arbeiten wollen oder Menschen, die gerade frisch von der Schule kommen und viel Aufmerksamkeit brauchen, bis sie sich im Arbeitsalltag zurecht gefunden haben. Oder Menschen mit speziellen Bedürfnissen, z.B. mit: Kindern, langen Anfahrtswegen, Behinderungen. Alle gleich behandeln? Wir haben uns gefragt, wie man all dies in einem Gehalt widerspiegeln kann.

Ist es fair unterschiedliche Gehälter für die gleiche Arbeit zu zahlen?

Der Kapitalist beantwortet diese Frage mit einem klaren ja. Denn ein Mensch mit langjähriger Arbeitserfahrung kann eine Aufgabe viel schneller lösen, arbeitet so mehr Aufgaben ab und generiert im gleichen Zeitraum mehr Einnahmen als ein Neuling auf diesem Fachgebiet.
Der Sozialist beantwortet die Frage mit nein. Denn die Arbeitsleistung der Einzelperson ist gleich. Der Neuling sitzt ebenfalls 40h in der Woche an seinen Aufgaben und löst diese nach bestem Wissen und so schnell es ihm möglich ist.

Welche dieser beiden Ansätze ist nun also fair?
Beide! Denn wir leben zum Einen in einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Das heißt wir müssen einen Mehrwert schaffen, für den jemand bereit ist, einen Preis zu zahlen. Dieser Mehrwert muss so gut (Qualität) oder so reichhaltig (Quantität) sein, dass damit der eigene Zukauf von Mehrwert gedeckt werden kann. Menschen, welche viel Mehrwert für Andere erschaffen haben somit also das Recht, selbst wiederum viel Mehrwert von Anderen einzufordern.
- Beispiel: Max erschafft für die Allgemeinheit (den Markt) viele Webseiten und darf sich so bei der Allgemeinheit wiederum bedienen, um im gleichen Wert z.B. vom Bauern Nahrung zu holen.-
Zum Anderen leben wir aber auch in einem demokratischen Sozialstaat. Die Würde des Menschen ist unantastbar, darauf haben wir uns schon vor 60 Jahren geeinigt. Von der Finanzierung einmal abgesehen, wollen wir also jedem Menschen ein würdevolles Leben ermöglichen. Dabei ist es egal ob dieser Mensch etwas zur Gesellschaft beitragen will oder dies überhaupt, körperlich und geistig, kann. Ein Mensch soll demnach so viele Mittel erhalten, dass er körperlich und geistig gesund ist und sein Leben mit einem Sinn füllen kann.

Aus diesen zwei Sichtweisen lassen sich nun, finanziell gesehen, zwei Faktoren für ein faires Gehalt ableiten. Kosten & Nutzen. Das klingt erst mal nach BWL, ist es aber nicht ganz. Denn wir betrachten dies aus der Sicht der Einzelperson und nicht des Unternehmens:

Kosten: Was benötigt ein einzelner Mensch, um ein sinnerfülltes Leben zu führen?
Nutzen: Welchen Mehrwert kann ein einzelne Mensch erschaffen?

Wie baut man aus dieser Erkenntnis ein Gehalt?

Möglichkeit 1 - Bewertungsmatrix

Indem man Kosten und Nutzen immer weiter aufteilt, zu einzelnen Posten, die messbar sind. Aus meinem Versuch, Kosten und Nutzen einer Einzelperson messbar aufzulisten ist eine Matrix entstanden, die mehrere Bausteine beinhaltet.

Kosten - Am Anfang steht die Existenzsicherung als Basiswert für alle Kosten, die jeder Mensch für ein würdevolles Leben benötigt. Das heißt Kosten für Nahrung, ein Dach über dem Kopf, kulturelle Teilhabe, etc. Hinzu kommen dann die gesondert aufgelisteten Ausgaben: Lebenshaltungskosten und Ausbildungskosten.
Wer studiert hat und dabei nicht zu Hause gelebt hat, hatte hohe Kosten, teilweise sogar hohe Kredite, die er oder sie wieder begleichen muss. Fair ist es also dieses vorgestreckte Geld von einem Gehalt wieder begleichen zu können.
Lebenshaltungskosten beinhalten die laufenden Kosten, die einen außergewöhnlich hohen Mehraufwand bedeuten. So bedeutet ein Kind z.B. eine hohe finanzielle und geistige Belastung, was rechtfertigt, dass dieser Mensch einen höheren Mehrwert konsumieren darf, also mehr Geld bekommt. Denn seine Fähigkeit ist gemindert, selbst Mehrwert zu erschaffen, der verkauft werden kann, da sein Kind nun mehr Geld und Zeit benötigt.

Nutzen - Wie viel Mehrwert kann ein Mensch in der Firma erschaffen? Die Arbeitsleistung ist hier entscheidend. Sie wird daran gemessen, wie lange der Beruf schon ausgeübt wird. Die Annahme ist, dass mehr Erfahrung eine effizientere Arbeitsleistung bedeutet. In der Matrix wird praktische Erfahrung dabei höher bewertet als theoretische Erfahrung, da hier Wissen schon im realen Umfeld zum Einsatz gekommen ist und so auch die 'echten' Alltagsprobleme bereits gelöst werden mussten.

Nach dem wir bei farbenmeer diese Matrix durchgesprochen haben, waren wir alle überzeugt, dass diese Tabelle Anwendung finden wird, um ein faires Gehalt zu berechnen. Ein paar Zahlen sollten noch abgeändert werden und ein paar Sonderfälle mit aufgenommen. Insgesamt fanden wir diesen Weg jedoch sehr sinnvoll, da es eine Methode darstellt um ein Gehalt individuell auf die Bedürfnisse jeder Person zuzuschneiden.

Nachteil
Direkt nach der Besprechung hat natürlich jeder seine Parameter in die Matrix eingetragen und schnell hat sich herausgestellt, dass die Gehälter weit auseinander gehen würden. Ein Kollege musste sogar feststellen, dass sein Gehalt niedriger werden würde, als es momentan der Fall ist. Ein no-go für alle Kollegen, denn wir wollten auf keinen Fall Gehälter kürzen ohne einen triftigen Grund. Also wieder an den Parametern schrauben. Sollten wir einfach den 'Mindestlohn' hoch setzen? Dann werden jedoch die anderen Gehälter noch höher, die Lohn-Schere bleibt also gleich. Dann eben die Boni proportional anpassen, damit die Steigerung - z.B. pro Kind - geringer ist. Außerdem sollen die Boni-Steigerungen abflachen, je höher z.B. die Jahre der Arbeitserfahrung sind, da irgendwann keine Mehrwertsteigerung mehr durch Erfahrung zu erkennen ist - eine Sigmoidfunktion?! ... Es wird also komplex!

Vorteil
Es gibt eine einheitliche und deterministische Funktion, mit der alles Individuell bestimmt werden kann. Eine Matrix, sie alle zu berechnen!

Möglichkeit 2 - Alles bleibt wie es ist!

Wir behalten es bei, dass alle gleich viel verdienen. Wir bleiben bei dem sozialistischen Ansatz, dass jeder gleich viel Lebenszeit investiert und dadurch gleich viel verdienen soll, auch wenn das bedeutet, dass einige Menschen einen höheren Mehrwert gegenüber dem Kunden erschaffen, um damit die Menschen mitzufinanzieren, die im Vergleich weniger Mehrwert erschaffen können.

Nachteil
Das Gehaltsniveau kann je nach Einnahmen gesteigert werden, jedoch nur für alle gleich. Es werden keine besonderen Bedürfnisse berücksichtigt. Wer im Monat 200 Euro für ein Öffi Ticket ausgibt, bekommt genau so viel Gehalt wie ein Mensch, der direkt neben dem Büro wohnt. Das ist nicht sonderlich Fair.

Vorteil
Die Gehälter sind sehr gut nachvollziehbar und einfach umzusetzen.

Möglichkeit 3 - Der Markt entscheidet

Wir machen es wie alle Anderen auch und lassen den Markt bestimmen bzw. das Verhandlungsgeschick des Einzelnen. Das heißt, das Gehalt wird nur so hoch gesetzt, dass wir Menschen finden, die für dieses Geld mit uns arbeiten wollen und dabei unseren Anforderungen entsprechen.

Nachteil
Geld wird der Mittelpunkt der Arbeit. Unsere Kollegen leben entweder am Existenzminimum oder verlassen farbenmeer zu einer Firma, die sie mit Geld beschmeißt aber in der sie eventuell kulturell nicht zufrieden sind.

Vorteil
Maximaler Gewinn für die Firma.

Möglichkeit 4 - Jede/r bestimmt sein Gehalt selbst

Jeder bestimmt sein Gehalt selbst. Diese Idee klingt auf den ersten Blick verrückt. So würde sich jede/r ein utopisch hohes Gehalt zahlen - so der erste Gedanke. Aber mit einer Unternehmenskultur, bei der jede/r Teil der Firma ist, jede/r Entscheidungen treffen darf und es keinen Vorgesetzten gibt, ist das anders zu betrachten. Bei farbenmeer sind alle Finanzen transparent für jeden einzusehen. Wir wissen was wir einnehmen, was wir ausgeben und was unsere Kollegen verdienen. Jeder von uns hat ein Interesse, dass die Firma lange und erfolgreich lebt und wird sich so nicht auf Kosten aller persönlich bereichern. Damit dies auch ganz sicher nicht geschieht, muss jede/r über eine Gehaltsentscheidung informiert werden. Außerdem hat jede/r im Team die Möglichkeit Einspruch zu erheben und sich noch einmal mit dem Kollegen zusammen zu setzen. So ist gewährleistet, dass jede/r seine Entscheidung begründen muss und er oder sie sich eine andere Sichtweise angehört hat.

Nachteil
Zurückhaltende Menschen könnten hier im Vergleich zu selbstbewussten Menschen benachteiligt werden, da sie ihre Bedürfnisse nicht zu Sprache bringen.

Vorteil
Jede/r kann sein Gehalt auf seine Bedürfnisse selbst anpassen und muss dabei jemandem anderen in die Augen sehen und begründen, warum er/sie im Vergleich mehr verdienen soll. Durch die Transparenz weiß jede/r wie hoch sein/ihr Gehalt im Vergleich ist und was finanziell für die Firma machbar ist. So kann ein Gehalt in privaten Notlagen erhöht werden und bei einem Lottogewinn auch mal ausgesetzt werden.

Fazit

Keine der vier Methoden bietet DIE Lösung an, welche auf alle Firmen angewandt werden kann. Ein selbst gewähltes Gehalt ist bei einem Weltkonzern, bei dem der Manager so weit vom Bandarbeiter entfernt ist, dass dieser nicht einmal weiß was seine tägliche Arbeit ist, sehr unrealistisch. Mit einer Mischung aus Rache und Erschöpfung würden die Abgehängten in der Firma ihr Gehalt so hoch setzten, dass die Finanzlage des Unternehmens sich schnell wenden würde. Es ist also wichtig, dass die Firmenkultur auch mit den Methoden im Einklang ist.

Bei farbenmeer haben wir uns dafür entschieden, dass jeder sein Gehalt selbst bestimmen kann. Wir wollen keine Matrix, die am Ende so komplex ist, dass sie niemand mehr nachvollziehen kann oder die oft auf bestimmte Umstände abgeändert werden muss oder gar manche Fälle gar nicht berücksichtigen kann.
Wir werden aufpassen müssen, dass sich unsere Kollegen und Kolleginnen auch tatsächlich dieser Möglichkeit annehmen und sie anwenden wenn sie es für nötig halten.
Wir sind gespannt auf diesen Versuch und werden euch mit einem 'lessons learned' auf dem Laufenden halten, so bald wir genügend Erfahrungen sammeln konnten.